Medien & Journalismus, Religion & Kirche

Medienwüsten in Deutschland?

Medienwüste

Seit September 2023 reise ich regelmäßig in die USA: Dank eines Stipendiums nehme ich Teil an dem „Executive Program“ der Craig Newmark Graduate School of Journalism der City University of New York (CUNY). Unsere internationale Gruppe beschäftigt sich mit Management und Finanzen, Marketing und Geschäftsmodellen. Besonders spannend sind die Gespräche mit Expertinnen und Experten der Medienbranche.

In den USA gibt es seit vielen Jahren schon Medienwüsten, d.h. ganze Regionen, in denen es keine Zeitung und kein Onlinemagazin mehr gibt. Studien haben gezeigt, dass in diesen Regionen die Wahlbeteiligung sinkt und es mehr Korruption in Politik und Wirtschaft gibt.

Auch in Deutschland können wir seit Jahren verfolgen, wie die Konzentration der Medien zunimmt und wie kleine Zeitungen, Magazine und Onlineportale von der Bildfläche verschwinden. Das gilt auch für die evangelische Publizistik. Viele evangelischen Medienhäuser in Deutschland werden aufgelöst, verkleinert oder fusionieren mit der Öffentlichkeitsarbeit. Derzeit gibt es noch folgende Online-Magazine in Deutschland:

Das Onlinemagazin sonntagsblatt.de ist das zweitgrößte Nachrichtenangebot in Deutschland. Mit unserem Magazin erreichen wir monatlich über 300.000 Nutzerinnen und Nutzer. Unser Magazin ist kostenfrei und werbefrei. Das ist uns wichtig. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Menschen weiterhin auf Nachrichten angewiesen sind.

Publizistische Produkte gedeihen nie in reglementierten Räumen. Sie brauchen Freiheit, die nicht mit Schlamperei verwechselt werden sollte

Robert Geisendörfer

Warum wir unabhängige Nachrichtenportale brauchen

In einem aktuellen Feature auf Sonntagsblatt erläutere ich, warum die evangelische Kirche gut daran tut, den unabhängigen Journalismus zu fördern.

Meine zentralen Erkenntnisse sind wie folgt:

  1. Die evangelischen Landeskirchen sollten Publizistik als Funktion von Kirche begreifen. Damit ist nicht die Verkündigungsarbeit gemeint, sondern das Festhalten an professionellen journalistischen Angeboten. Diese Inhalte müssen exklusiv, interessant, unterhaltsam und vor allem relevant sein für die Zielgruppe.
  2. Die evangelische Publizistik muss alles dafür tun, die bestehende journalistische Infrastruktur zu erhalten, denn damit stärkt sie die Medienvielfalt in Deutschland.
  3. Eine Eigenständigkeit der journalistischen Arbeit ist unerlässlich. Guter Journalismus lohnt sich. Journalistische Qualität wird über eine hohe Professionalität der Mitarbeitenden erzielt, die hochwertig ausgebildet werden. Eine zuverlässige Berichterstattung schafft Vertrauen – und sorgt für wiederkehrende Leser*innen.
  4. Die Unabhängigkeit der Medienhäuser sollte bewahrt werden. Der ehemalige GEP-Direktor Robert Geisendörfer erklärte schon 1975, dass die Herstellung publizistischer Produkte nicht nach den „Regeln einer Verwaltungsbehörde” erfolgen dürfe. Sie sei vielmehr auf ein „Mindestmaß an autonomen Arbeitsabläufen angewiesen, die spontanes, aktuelles und sachgemäßes Handeln möglich machen. Publizistische Produkte gedeihen nie in reglementierten Räumen. Sie brauchen Freiheit, die nicht mit Schlamperei verwechselt werden sollte”, so Geisendörfer.
  5. Kirchen sollten den gemeinnützigen Journalismus fördern – etwa mit der Unterstützung von Organisationen wie dem „Forum gemeinnütziger Journalismus in Deutschland“. Denn dieser Journalismus ist oft auf Partizipation und zivilgesellschaftliche Prozesse ausgerichtet, welches zentrale Anliegen vieler kirchlicher Nonprofits sind.
  6. Evangelische Publizistik sollte Allianzen und Partnerschaften bilden. Medienhäuser und Newsrooms sollten sich miteinander vernetzen, um sich zu professionalisieren, Innovation voranzutreiben und die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen. Die Medienangebote müssen dabei die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund stellen und sollten weiterhin kostenfreie, werbefreie Produkte für ihre Zielgruppen entwickeln.
  7. Evangelische Publizistik braucht eine massive Investition in Technologie. KI, Datenanalyse, technologische Entwicklungen müssen strategisch und operational in jedes Medienhaus verankert werden.
  8. Das Thema Innovation sollte in die DNA der evangelischen Publizistik verankert werden. Medienhäuser mehr Ambidextrie anstreben, also kleine, kontinuierliche Veränderungen anstreben ebenso wie agile, mutige Großprojekte umsetzen.