Geschichte & Erinnerung

Stolperstein für Widerstandskämpfer Werner von Haeften in Berlin

Blick auf einen Stolpersten

In Berlin erinnert ein Stolperstein an den Widerstandskämpfer Werner von Haeften – und an unsere Verantwortung in der Gegenwart

Es ist ein unscheinbarer Ort in der Peter-Lenné-Straße 42. Doch wo sich heute ein therapeutisches Zentrum für Kinder und Jugendliche befindet, lebte früher ein Mann, der zu den engsten Vertrauten des 20. Juli 1944 gehörte: Werner von Haeften. Mit der Verlegung eines Stolpersteins am 15. April 2026 tritt seine Geschichte zurück in den öffentlichen Raum – als Mahnung und als Auftrag.

Werner von Haeften, 1908 in Schwerin geboren, entstammte einer preußisch geprägten Familie. Der Vater, ein hoher Militär und später Präsident des Reichsarchivs, vermittelte Werte von Pflicht und Verantwortung, die im Elternhaus eng mit dem evangelischen Glauben verbunden waren. Zusammen mit seinem Bruder Hans-Bernd wuchs Werner von Haeften im Berliner Grunewald auf. In der Dahlemer Gemeinde von Martin Niemöller fanden beide eine religiöse und geistige Heimat – und später eine Haltung des Widerstands.

Früh wandte sich Werner von Haeften gegen den Nationalsozialismus. Als Jurist wechselte er 1938 bewusst zur Hamburger Warburg-Bank – auch, um die jüdischen Eigentümer in einer Zeit zunehmender Entrechtung zu unterstützen. Der Krieg unterbrach diesen Weg: Er wurde eingezogen, kämpfte in Frankreich und an der Ostfront und kehrte nach einer schweren Verwundung nach Berlin zurück.

Ab 1942 arbeitete er im Umfeld von Helmut James Graf von Moltke und später im Büro des Publizisten Jens Jessen. Spätestens als Adjutant von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte von Haeften zum innersten Kreis der Verschwörer. Er bereitete den Umsturz minutiös vor und begleitete am 20. Juli 1944 Stauffenberg zur „Wolfschanze“.

Das Attentat scheiterte. Noch in derselben Nacht wurde Werner von Haeften im Hof des Bendlerblocks erschossen – zusammen mit Stauffenberg und weiteren Mitstreitern. Die Nationalsozialisten verbrannten die Leichen, verstreuten die Asche. Ein Grab gibt es bis heute nicht.

Stein gegen das Vergessen für Werner von Haeften

Umso größer ist die symbolische Bedeutung des Stolpersteins, wie er nun an seinem letzten Berliner Wohnort gesetzt wurde. Er ist einer der wenigen konkreten Erinnerungsorte für Werner von Haeften. Stolpersteine verbinden Erinnerung mit Mahnung und Gedenken. Sie fallen auf, sie befinden sich mitten in unserem Alltag – und fordern dazu auf, nicht wegzusehen.

Dass diese Form des Erinnerns inzwischen mehr als 90.000 Mal in 26 Ländern ihren Ausdruck gefunden hat, zeigt ihre Kraft. Auch im Fall der Familie von Haeften schließt sich ein Kreis: Bereits 2021 wurden in der Berliner Wilhelmstraße Stolpersteine für Diplomaten verlegt, die sich dem NS-Regime widersetzten – darunter auch für Hans-Bernd von Haeften, der ebenfalls zum Widerstand gehörte und hingerichtet wurde.

Mit den Stolpersteinen entstehen in der Stadt verstreute, aber verbundene Orte des Gedenkens. Sie erzählen von biografischen Entscheidungen, von Mut und von der Einsamkeit des Widerstands. Und sie schlagen eine Brücke in die Gegenwart.

Zur Verlegung des Stolpersteins erklang die Musik des französischen Komponisten Charles Koechlin, entstanden im Jahr 1944, gespielt von Rudolf Döbler, Flötist des Rundfunk‑Sinfonieorchesters Berlin. Ein Gebet mit Fürbitte von Pfarrer Moritz Gengenbach schloss sich an, schließlich wurden weiße Rosen niedergelegt – ein Zeichen der Hoffnung. Danke an die Stolperstein-Initiative Berlin und Claudia Fröhlich vom Niemöller-Haus in Berlin, die das gesamte Vorhaben tatkräftig unterstützt hat!

Ein Stein im Gehweg kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber er kann sichtbar machen, was sonst leicht verblasst: die Geschichten einzelner Menschen, ihre Entscheidungen – und ihre Verantwortung. Werner von Haeften hat sie getragen. Heute liegt sein Name im Berliner Straßenpflaster. Und mit ihm eine Frage, die bleibt: Wie handeln wir, wenn es darauf ankommt?

Kategorie: Geschichte & Erinnerung

von

Rieke C. Harmsen. Digitales, Medien, Kunst, Geschichte. Chefredakteurin Online / Change Management / Digitalisierung Kuratorin / Dozentin / Fundraiserin